Die Hauptstadt der Bettler (Thematik)


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    Die Hauptstadt der Bettler

    45000 Obdachlose leben in den Straßen von Paris. Seit einigen Jahren zieht die Weltstadt an der Seine auch immer mehr deutsche Clochards an.

    Warum jahrein, jahraus Hunderte von mittellosen Ausländern, viele davon aus dem ehemaligen Ostblock, in das rezessionsgeplagte Frankreich kommen, wo gegenwärtig ohnehin fast eine halbe Million Obdachlose um Arbeit, Gratis-Mahlzeiten in den Suppenküchen und um Schlafplätze kämpfen, ist den Franzosen selbst ein Rätsel.
    Allein 5000 Deutsche, so schätzt die Hilfsorganisation Emmaus, leben zur Zeit ohne Dach über dem Kopf in Frankreich. Doch mit dem berühmten Savoir-vivre ist es besonders in Paris, wo der Clochard mit der Flasche Rotwein unter der Seine-Brücke einst zu der Folklore gehörte, schon lange nicht mehr weit her.
    Das Heer von 45000 Heimatlosen, darunter 15000 Frauen, ist den Sozial-Bürokraten längst über den Kopf gewachsen. Die Wohnungsnot hat dank horrender Mieten und steigender Arbeitslosigkeit New Yorker Proportionen angenommen.Ob im Armenviertel Barbès oder am Elysee-Palast des Staatpräsidenten, auf jedem Metro-Schacht liegt abends ein Mensch, gebettet auf Kartons, die Plastiktüte fest umklammert.
    Freundschaften schließt man selten auf der Straße, aber sie sind lebenswichtig, besonders für Frauen”, sagt Angelika Bohrer. Sie sitzt tagein, tagaus zur selben Zeit auf der Avenue des Ternes im 17. Arrondissement, eine akkurat gekleidete Frau mit langen, rotblonden Haaren, den Kragen vom Trenchcoat hochgeschlagen, einen blaugemusterten Regenschirm zu Füßen und ein Pappschild in der Hand.
    Angelika Bohrer, die “am 29.9.1973 im Alter von 21 Jahren aus Liebe zu Frankreich” von Pirmasens nach Paris zog, sieht aus wie eine Sekretärin. Und das war sie früher auch. aber dann verlor sie ihren Job und ihre Dreizimmerwohnung, hatte zuletzt nur noch ein Bett in einem Katholischen Heim. Jetzt wohnt sie auf der Straße, mit einem Hund, einer Katze und ihrem Freund Friedel.
    “Damals”, sagt sie, da sah ich auch oft diese Leute in der Metro sitzen. Ich dachte, das passiert mir nie. Die Leute, die heute auf einen runtergucken, wissen gar nicht, wie schnell sie morgen runterkommen können.” Weil sie in Frankreich gearbeitet hat, bekommt sie monatlich knapp 600 Mark Sozialhilfe. Das reicht nicht für sie allein, und für sie und für Friedel zusammen reicht es schon gar nicht. “Er ist Alkoholiker”, sagt sie und blickt ihn liebevoll an. Friedel blickt liebevoll zurück, schlägt die “Bild”-Zeitung auf und liest die Bundesliga-Ergebnisse. ”Mit Friedel bekomme ich nie im Leben eine Wohnung. Aber ohne Friedel kann ich nicht leben.” So halten die beiden einander fest, in einem Leben, in dem die Zeit nur da ist, um totgeschlagen zu werden.
    Joe steht täglich am Platz Denfert-Rochereau in Paris, mit einem sorgfältig beschrifteten Pappschild in der Hand. “Ein bißchen zum Leben”, steht darauf geschrieben, “bitte”.
    Joe ist groß und kräftig und sieht auch dann nicht demütig aus, wenn er sich vor den Passanten niederkniet, was er manchmal tut, wenn er genügend Neo-Codion geschluckt hat, ein kodeinhaltiges Mittel gegen Husten und gegen Stolz.
    Früher, als Joe noch ein kleiner Junge war, ist er jährlich mit seinen Eltern in den Sommerferien aus dem Saarland nach Frankreich gefahren. Wenn er sich heute daran erinnert, wird es ihm warm ums Herz, “und dann tut es weh”. Deswegen erinnert er sich lieber nicht. Daran nicht und nicht an den Porsche, den er seinerzeit gefahren hat, und schon gar nicht an seinen neunjährigen Sohn, der irgendwo in Deutschland lebt.
    Wie es kam, daß Joe die geebneten Wege des Bürgerturms verließ, um 33jährig mit einem Pappschild in der Hand in Paris zu hocken, ist eine wirre Geschichte, die er nur selten und wenn, dann auch nur in Bruchstücken erzählt. Jedesfall hat Joe Deutschland verlassen, weil er sonst wegen Versicherungsbetrugs ins Gefängnis gekommen wäre.
    Auch im Alltag von Joe klafft die Langeweile wie eine riesige Zahnlücke, die er nur mühsam überbrückt. Doch wenn er sich abends vor der grandiosen Kulisse der Kirche Notre-Dame schlafen legt, kommt fast immer ein Polizist vorbei und fragt, ob alles in Ordnung ist. Und Joe sagt schwärmerisch: “In Deutschland würde das nie passieren. Paris ist eben eine Weltstadt.”

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