So was müßte es öfter geben (Thematik)


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    So was müßte es öfter geben

    Die Sprengung eines Hochhauses wurde in Hamburg zum Ereignis: 80000 Zuschauer beobachteten, wie der Koloß mit 180 Kilo Dynamit in vier Sekunden zum Kollaps gebracht wurde.

    Tief in uns allen muß noch immer die Lust am Zerstören lauern. Und wenn wir sie selbst schon nicht ausleben dürfen, möchten wir offenbar wenigstens dabeisein, wenn andere zulangen. Nur so läßt sich erklären, daß 80000 Schaulustige vergangenen Sonntag trotz angekündigter Staus, langer Fußmärsche, Sturm und Regen zum Hamburger Millerntor kamen. Sie wollten erleben, wie ein einst asbestverseuchtes Hochhaus gesprengt wird. Martin Teichner, 28, hatte beispielsweise seinen Urlaub in Südafrika abgebrochen, damit er den "Mega-Rums" ("Hamburger Morgenpost") nicht verpaßte.
    Seit Monaten war das 78 Meter hohe Bürohaus am Beginn der Reeperbahn Thema in der Lokalpresse. Die Öffentlichkeit erfuhr bis ins letzte Detail, wie das Bauwerk zu Fall gebracht werden würde: mit 180 Kilo Dynamit, verteilt auf 3000 Löcher, elektronisch gezündet. Eine "Kollaps-Sprengung", bei der das Haus von oben nach unten in sich zusammenfällt, versprach Sprengmeister Walter Werner in zahlreichen Interviews. Am Ende fühlte sich der 51jährige "fast so berühmt wie Steffi Graf" und war so aufgeregt, daß er sich beim Countdown verzählte: "Vier, zwei, zwei, eins."
    Parteipolitisches Gezänk um mögliche Asbestwolken hatte die Sprengung immer wieder verzögert. Da hielten es Rundfunkreporter von der "Hamburg Welle" nicht mehr aus, so daß sie schon zwei Wochen vorher eine Fiction sendeten: "Noch zehn Minuten bis zur Sprengung. Soeben wird ein kleiner Hund aus dem Gebäude getragen." Das Geräusch der tobenden Zuschauermassen erzeugten sie, indem sie auf dasTonarchiv zurückgriffen. So hatten Hamburger zuletzt vor 30 Jahren beim Besuch der Queen gejuchzt.
    Diesen Gag hatte der NDR exklusiv. Doch als das Hochhaus dann in sich zusammenfiel, waren allein fünf Radiosender live dabei, Fernsehteams von vier verschiedenen Kanälen sahen dem Sprengmeister über die Schulter. Der Pastor der nahegelegenen St. Michaeliskirche vermietete die Aussichtsplattform des Hamburger Wahrzeichens an 50 Journalisten, die dafür jeweils 100 Mark spenden mußten.
    Einer hatte keine Lust auf das Spektakel. Der ehemalige Architekt des Gebäudes, Carl-Friedrich Fischer, 85, murrte zu Hause: "Der Bau wird abgerissen, obwohl er fast gesund ist. Das ist nicht im vaterländischen Sinne."
    Die Schaulustigen aber zogen staubbedeckt und mit zufriedenem Lächeln von dannen. Einer brachte Volkes Stimme auf den Punkt: "So was müßte es öfter geben, zumal doch genug häßliche Kästen herumstehen."

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