Zu blöd zum Fernsehen (Thematik)


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    Zu blöd zum Fernsehen

    Klaus Ring, Geschäftsführer der Stiftung Lesen, über modernen Analphabetismus und die Folgen.

    FOCUS: Herr Professor Ring, Sie haben Mitte September die Geschäftsführung der Stiftung Lesen übernommen, deren Aufgabe die Leseförderung ist. Von Beruf sind Sie Mikrobiologe. Wie paßt das zusammen?

    RING: Ich betrachte die Naturwissenschaften durchaus als Teil unserer Kultur. Außerdem war ich acht Jahre Präsident der Frankfurter Universität und habe mich schon in diesem Amt mit Kulturförderung befaßt. Von dort hat mich übrigens ein Schlüsselerlebnis zur Stiftung Lesen geführt.
    Das Gutachten einer Hochschulstrukturkommission berichtete über große Defizite bei Studenten im Umgang mit der Sprache. Als Abhilfe empfahlen die Experten, nach amerikanischem Vorbild sogenannte "Writing Centers" einzurichten. Eine für mich höchst alarmierende Feststellung und Empfehlung.

    FOCUS: Nachhilfeunterricht für künftige Akademiker?

    RING: So wäre dies zu verstehen. Ein Schnellkurs, in dem den Teilnehmern vermittelt wird, wie Texte aufgebaut und geschrieben werden, wie man formuliert. Gut gemeint, aber für viele viel zu spät!

    FOCUS: Was steht im Mittelpunkt der Leseförderung?

    RING: Aufklärung über den Wert des Lesens und seine Bedeutung für die persönliche Entwicklung oder, prononcierter, die Prävention des sekundären Analphabetismus.

    FOCUS: Etwas verständlicher, bitte.

    RING: Es geht schlicht um jene Menschen, die zwar Lesen und Schreiben gelernt haben, davon aber keinen Gebrauch mehr machen. Diese Gruppe wächst in Deutschland ständig. Man schätzt sie hier auf drei bis vier Millionen, in den USA mittlerweile auf zehn Prozent der Bevölkerung.

    FOCUS: Die Folge dieser Entwicklung?

    RING: Die Auswirkungen auf eine Gesellschaft mit vergleichsweise hohem Bildungsniveau sind eklatant. Ein an Rohstoffen armes Land ist noch mehr als alle anderen auf Bildung, Phantasie und Kreativität, aber auch auf Kritikfähigkeit angewiesen. Mangelnde Kenntnisse, mangelnde Bildung gehören außerdem zu den Wurzeln des Rassismus und Rechtsradikalismus.

    FOCUS: Wie wollen Sie gegensteuern?

    RING: Wichtig ist die Leseförderung bereits in den Familien, in Kindergärten und Grundschulen. "Lesen ist Familiensache" heißt eines unserer Basisprogramme. Bis zum 12. oder 14. Lebensjahr müssen die Kinder daran gewöhnt werden, mit Büchern, mit Literatur umzugehen. Danach wird es schwierig, aus einem Nicht-Leser einen Leser zu machen.

    FOCUS: Notwendige Informationen lassen sich auch anders beschaffen, über PC oder Fernsehschirm.

    RING: Der Umgang mit Medien aller Art, einschließlich des Fernsehens, ist abhängig von der zuvor erworbenen Lesekompetenz. Das heißt: Alle Informationen, die wir uns durchs Fernsehen holen, sind nutzlos, wenn der Zuschauer keine Lesekompetenz hat. Untersuchungen belegen, daß Zuschauer, die ihre Lesekompetenz verloren haben, bis zu 95 Prozent des Inhalts von Nachrichtensendungen sofort wieder vergessen. Forscher sprechen von einer Kluft zwischen einer gut informierten "Wissenselite" und einer wachsenden Zahl von Wissensarmen. Eine moderne Industrie- und Kulturgesellschaft muß daran interessiert sein, daß hier Abhilfe geschaffen wird.

    FOCUS: Erich Loest, der Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller, hat von der ARD beste Sendezeit für Literaturlesungen verlangt. Der Medienberater Ulrich Wechsler hat vorgeschlagen, zehn Prozent des "Kabelgroschens", mit dem die Landesmedienanstalten finanziert werden, direkt in die Leseförderung zu investieren. Die Printmedien sind also ausgerechnet auf das Konkurrenzmedium Fernsehen angewiesen?

    RING: Wir sehen uns ja sowieso nicht in Konfrontation zum Fernsehen, im Gegenteil. Es gibt ja schon lange eine Zusammenarbeit zwischen der Stiftung Lesen und einzelnen Sendern, zum Beispiel ZDF, ARD und 3Sat. Zur Zeit stellen wir Schulen und Universitäten mit großem Erfolg Videokassetten der ZDF-Reihe "Deutsche Literatur nach 1945" zur Verfügung. Zu den Sendeschwerpunkten "50 Jahre Kriegsende" von ARD und ZDF im Frühjahr 1995 bereiten wir außerdem gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung Leseempfehlungen vor.

    FOCUS: Was liest der Chef der Leseförderung selbst?

    RING: Ich lese parallel, je nach Zeit und Stimmung. Im Moment: "Die Zeit der Kathedralen" von Georges Duby, "Aufzeichnungen eines Jägers" von Iwan Turgenjew, "Medienkinder" von Ulrich und Wolfgang Eicke und "Jüdische Altertümer" von Flavius Josephus.

    FOCUS: Schwere Kost. Was ziehen Sie denn zur Entspannung vor

    RING: Da greife ich am liebsten zu Erzählungen von Paustowskji. Die beste Entspannung ist für mich aber die Beschäftigung mit Musik.


    Arbeit on line

    Fernsehen verblödet nicht nur; es gibt durchaus auch intelligente Programme. Schauen wir uns mal die Bildungsprogramme des Südwestfunks an!

    Was versteht man unter 'Schulfernsehen'? Was bedeutet 'Telekolleg'?