Der schlanke Wahn(Thematik)


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    Der schlanke Wahn

    Er kennt sie alle. Er hat sie alle schon probiert. Von der Hollywood-Diät bis zum Schlankheitspulver “Slim Fast”. Von der Gruppentherapie der Weght Watchers bis zur “Brigitte”-Diät. In den letzten 25 Jahren entwickelte sich der Versicherungsvertreter Hans-Dieter Arndt (51) aus Göttingen zum praktizierenden Diätspezialisten. Heute wiegt der 1,76 Meter große Mann 110 Kilo. Sein Alltag ist ein Wechselspiel von Fasten und Stopfen. Von montags bis freitags ißt er nur Obst und Gemüse. “Am Wochenende futtere ich alles, so viel, bis nichts mehr reinpaßt.” Hans-Dieter Arndt ist krank, eßgestört - ein Opfer des Diät-Wahnsinns. Frauen hungern seit Jahrzehnten den schlanken Schönheitsidealen hinterher, und bei den Töchtern diät-fanatischer Mütter dreht sich schon in zweiter Generation alles nur noch ums Essen.
    Deutschland auf der Waage: Ein Drittel der Bevölkerung will abnehmen, fast jeder zweite hat mindestens eine Abmagerungskur hinter sich. 40 Prozent der Männer und 27 Prozent der Frauen sind zu dick. Mit zu üppiger und ungesunder Ernährung hängen die häufigsten Todesursachen in Deutschland zusammen. Sie kann Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Krebs verursachen. Das Klischee, Eßstörungen seien “Frauenleiden”, ist längst widerlegt. Zehn Prozent der deutschen Männer hält Professor Volker Pudel, Ernährungswissenschaftler und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), für “schwer eßgestört”. Das ergab eine Umfrage unter 3000 Männern in Ost und West. Seit in Jeans- und Parfüm-Werbung nackte Athleten ihre Muskeln präsentieren, hat sich das Verhältnis vieler Männer zu ihrem Körper geändert. Etwa 1,2 Milionen von ihren besuchen inzwischen regelmäßig eines von etwa 5000 Fitness-Studios in Deutschland. Über 90 Prozent schwitzen für ein “kerniges Aussehen”, so eine Umfrage des Sportstudio-Verbandes. Mittel und Wege gegen den “großen Hunger” sind inzwischen zum Riesen-Geschäft geworden. Light-Produkte, Diät-Pflaster und Appetitzügler versprechen die ultimative Diät.
    “Jedes Abnehmen ist quälend und umständlich”, beschreibt die 48jährige Tankstellen-Pächterin Jutta Hinterbuchinger aus Hochheim ihre leidvollen Erfahrungen mit diversen Schlankmachern. Ihr Leben bestimmen Kalorientabellen und Mißerfolge auf der Waage. Die 1,63 Meter große und 75 Kilo schwere Frau hungert immer wieder an gegen ihren Appetit. Die neue Diät - “Herbal Life”, eine Kombination von Pulver und Pillen - steht schon im Schrank. “Ich bin verzweifelt und habe Angst, daß die auch wieder nichts bringt.”
    Wer auf Dauer abnehmen will, dem helfen Kalorienzähl-Programme wenig. Der Germersheimer Lebensmittel-Chemiker Udo Pollmer ist sogar überzeugt: “Diäten machen dick.” Die meisten Abmagerungsversuche verlaufen immer gleich. Wenn alles gut geht, nimmt man ein paar Kilo ab, freut sich, ißt wieder wie früher und wiegt am Ende mehr als vor der Diät. “Jo-Jo-Effekt” nennen das die Ernährungswissenschaftler.
    Der Grund für den Diät-Frust liegt in der Evolution: Sie hat unseren Körper gut auf Notzeiten vorbereitet. Bekommt er zu wenig Nährstoffe, stellt er auf das Programm “Hungersnot” um. Er spart Energie, wo es nur geht. Gibt es wieder genug zu essen, baut er für die nächste Krise vor und legt Speckreserven an. Prominentes Opfer des Jo-Jo-Effektes ist Bundeskanzler Helmut Kohl (130 Kilo): Unter großer Anteilnahme der Medien fährt er jedes Jahr ins österreichische Bad Hofgastein und quält sich mit der Mayr-Diät. Zuerst gibt es nur Tee und Wasser, dann trockenes Brot und Milch. Nach der zweiwöchigen Abmagerungskur hat der Kanzler gut zehn Kilo abgenommen, trotzdem hat er über die Jahre hinweg an Körpergewicht zugelegt.
    “Je häufiger man Diäten macht, desto größer sind die Schwierigkeiten beim Essen”, sagt der wissenschaftliche Leiter der DGE, Helmut Oberritter. Wenn man regelmäßig gegen seinen Hungerinstinkt arbeitet, nichts oder zuviel ißt, bringt das natürliche Eß-Störungen bis hin zu Magersucht oder Eß-Brech-Sucht (Bulimie). Magersüchtige sind abhängig vom Hungern. Sie können nicht mit dem Fasten aufhören. Ihren ausgemergelten Körper empfinden sie noch als zu dick. Bulimiker dagegen stopfen hemmungslos in sich hinein, was ihnen an Eßbarem in die Finger kommt. Um nicht zuzunehmen, brechen sie alles wieder aus. Sechs bis sieben solcher Freß- und Brech-Anfälle hatte die Frankfurter Studentin Angela Walter (23) pro Tag. “Ich habe meine Probleme zusammen mit den Lebensmitteln in mich reingefressen”, erzählt sie. Ausgelöst wurde die Krankheit durch unzählige Diäten: “Als ich keinen Erfolg sah, steckte ich den Finger in den Hals und kotzte alles wieder aus - die einfachste Lösung”, sagt sie. “Diäten wirken wie Einstiegsdrogen”, erklärt der Wissenschaftler Udo Pollmer, “sie sind die häufigste Ursache für Mager- oder Freßsucht.”
    Ungesund ist nicht nur das Eßverhalten der meisten Menschen, sondern auch die Lebensmittel selbst sind es. 60 Prozent der Nahrung, die in Supermärkten angeboten wird, ist industriell “überarbeitet”. Lebensmittel-Technologen mischen Duftstoffe und Geschmacksverstärker bei, verändern die Konsistenz, um sie “mundbehaglicher” zu machen. “Designer-Food” nennen Fachleute die neu entwickelten Industrie-Erzeugnisse, die eher dick als satt machen. Unser tägliches Brot ist das beste Beispiel für vom Chemiker “getunete” Lebensmittel. Ein Großteil wird mit “Kunst-Sauerteig” gebacken. “Das ist eine Chemie-Mixtur, die es erlaubt, ohne lebendige Sauerteig-Bakterien eine Masse zu fabrizieren, die Laien für Brot halten”, sagt der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer. Im Kunst-Brot stecken zum Beispiel Schimmelpilz-Enzyme, Tricalciumphosphat, das Motten fernhalten soll, und Calciumsulfat, schlicht auch Gips genannt. Vorteil: Das Brot gelingt immer, und der Bäcker spart Arbeitszeit.
    Wer abnehmen und gesund bleiben will, muß die Ernährung langfristig umstellen. “Gesund ist, was der Mensch im Laufe seiner Entwicklung in seiner natürlichen Umgebung vorgefunden hat”, sagt der Mannheimer Mediziner Thomas Weiss. Er formuliert Regeln, “die Ihnen der Körper, wenn er sprechen könnte, mit auf den Weg gäbe”:
    1. Der größte Teil der Nahrung sollte Obst, Gemüse oder Salat sein, gemeinsam mit Getreideprodukten und Kartoffeln.
    2. Rohe Nahrung ist fester Bestandteil auf dem Speiseplan.
    3. Je mehr Nahrung im Naturzustand erhalten ist (also nicht industriell behandelt), um so besser. 4. Fleisch einmal pro Woche.
    5. Der Fettanteil in der Nahrung sollte nicht höher liegen als 30 Prozent.
    6. Zucker nur in geringen Mengen verwenden.
    7. Sauermilchprodukte (z.B. Käse und Quark aus Dickmilch) sind besser als Vollmilchprodukte.
    8. Wasser und Tee sind ideale Getränke. Alkohol nur in kleinen Mengen genießen.
    Schädlich sind der ständig zu Diät mahnende Zeigefinger, das schlechte Gewissen und der zwanghafte Gedanke ans Essen.
    “Diäten sind ein Boykott von Lust und Appetit, bedeuten Essen mit Frust”, sagt Diätforscher Udo Pollmer. Gesunde, natürliche Ernährung dagegen bedeutet Essen mit Lust.

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