Die Überraschung ist lebenswichtig (Thematik)


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    Die Überraschung ist lebenswichtig

    Der Psychologe Wulf-Uwe Meyer analysiert Überraschungsreaktionen

    FOCUS: Sie beschäftigen sich seit acht Jahren mit dem Phänomen der Überraschung. Welche Reporterfrage würde Sie vom Hocker reißen?
    MEYER: Es hätte genügt, wenn Sie mitten im Dezember in gelben Bermuda-Shorts erschienen wären. Wen hätte das nicht in hohem Maße überrascht? FOCUS: Wie sieht die wissenschaftliche Analyse dieses vermeintlichen Schocks aus?
    MEYER: Meine Überraschungsreaktion bestünde aus vier Komponenten: dem Erlebnisaspekt, der sich etwa in verbalen Äußerungen widerspiegelt wie "huch, ein Redakteur in Bermuda-Shorts". Dazu gehört der überraschungstypische Gesichtsausdruck, den schon Darwin beschrieb, mit weit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund. Im Verhalten beobachtet man, daß die überraschte Person ihre bisherigen Handlungen abbricht und die gesamte Aufmerksamkeit auf das neue Ereignis richtet. Psychologisch läßt sich eine meßbare Erhöhung der Hautfeuchtigkeit an den Handflächen beobachten.
    FOCUS: Wodurch werden diese Reaktionen ausgelöst?
    MEYER: Ich habe eine Vorstellung, ein Schema davon, wie ein Redakteur aussieht - durch die Bermuda-Shorts müßte ich mein Schema allerdings revidieren. Das gleiche geschieht an Weihnachten: Ein Kind hat im Lauf des Monats eine bestimmte Theorie, wie ein normaler Dezemberabend abläuft, und ist völlig baff, wenn es am 24. Dezember einen Christbaum und Geschenke vorfindet. Wir haben es dabei mit schemadiskrepanten Ereignissen zu tun, die zu einer Überraschungsreaktion führen. Dabei werden Theorien über den Haufen geworfen und erneuert.
    FOCUS: Ist dann nicht die Frustration für den zweiten Weihnachtsabend vorprogrammiert, wenn es keine Geschenke mehr gibt?
    MEYER: Ja, aber Gott sei Dank werden die Reaktionen bei wiederkehrenden Überraschungsursachen immer schwächer.
    FOCUS: Kann man zwischen einer "guten" und einer "bösen" Überraschung unterscheiden?
    MEYER: Nein. Die Überraschungsreaktion hat sich im Lauf der Evolution herausgebildet. Diese Reaktion läuft zunächst automatisch ab, man kann da nicht differenzieren. Erst in einem zweiten Schritt realisieren wir dann, ob einem das Ereignis zuträglich ist oder nicht. Es hat sich eine Reaktion herausgebildet, die überlebenswichtig ist, um das überraschende Ereignis zu analysieren: Wir reißen die Augen auf, um das periphere Sehen zu verbessern; der offene Mund ermöglicht leiseres Atmen, dadurch können wir optimal hören und mehr Sauerstoff in die Lungenflügel pumpen, die Mimik zeigt der Umgebung, wie es uns geht.
    FOCUS: Was würde passieren, wenn wir ganz cool blieben und keine Überraschungsreaktion zeigen würden?
    MEYER: Wenn wir unfähig wären, bekannte Schemata zu revidieren, würden wir uns oft völlig unangepaßt benehmen. Das könnte eine Lebensbedrohung darstellen. Denken Sie beispielsweise an ein Kind, das verdorbene Nahrung zugeführt bekommt und als Reaktion auf diese "böse Überraschung" nicht losbrüllt.


    Arbeit on line

    Bleiben wir beim Thema Psychologie. Was erscheint eigentlich beim Begriff

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